Paris - Im 211. Jahr nach dem Sturm
auf die Bastille findet in Paris eine neue Revolution statt. Statt um Brot
und Brüderlichkeit geht es um Bytes und Business - und um den Kampf
gegen verkrustete Strukturen. Die neuen Revolutionäre sind junge französische
Internetfirmen, die den etablierten Immobilienmarkt der Hauptstadt durcheinanderbringen.
Immer mehr aufstrebenden Dotcom-Firmen siedeln sich im heruntergekommenen
Stadtteil Sentier an.
Zwischen dem Pariser Hallenviertel
und der Börse steht seit Jahrhunderten eine traditionelle Hochburg
der französischen Textilindustrie. Jetzt lassen sich dort die Dienstleister
des 3. Jahrtausend nieder. Diskreter Vorreiter für den Aufmarsch von
Hi-Tech-Firmen in dem historischen Pariser Stadtteil war "Yahoo Frankreich",
eine der ersten Internetfirmen des Landes. Im Sommer 1998 suchte die französische
Tochter des amerikanischen Internet-Giganten dringend Büroflächen.
Das Yahoogeschäft wuchs und
wuchs, der US-Ableger brauchte Platz für sein junges Team. "Die Mieten
im Sentier waren niedriger als im Geschäftsviertel La Défense",
erklärt Yahoo-Chef Philippe Guillanton. "Außerdem gefiel der
lebendige Stadtteil unseren Leuten viel besser."
"Yahoo Frankreich" hörte auf
seine jungen Mitarbeiter und griff zur unkonventionellen Lösung. Die
Firma verzichtete darauf, in den hochmodernen Bürotürmen von
La Defense belächelter Untermieter von Banken und Versicherungen zu
werden. Statt dessen wagte sich die Internetfirma ins Zentrum von Paris
und mietete 406 Quadratmeter im Sentier an. Zukunft traf Vergangenheit,
als die Internetprofis in einem der ältesten Teile von Paris Quartier
nahmen. Der Sentier ist seit Urzeiten Heimat der französischen Konfektionsindustrie.
Rund 5000 Kleinfirmen mit wahrscheinlich 40 000 offiziellen und inoffiziellen
Mitarbeitern nähen hier emsig, was danach von bekannten Couturiers,
Boutiquen und Kaufhäusern angeboten wird. In dem engen Gassenwirrwar
im 2.Arrondissement liegen Textilfirmen, Schneidereien sowie Im-und Exportgeschäfte
für Stoffe dicht beieinander. Über Jahrhunderte beherrschten
jüdische Textilproduzenten das Bild. Inzwischen haben sie Konkurrenz
durch Pakistaner und Chinesen bekommen, die in Fabrikhallen und Hinterhöfen
ihre Nähmaschinen rattern lassen.
Tatsächlich bot der Sentier
"Yahoo Frankreich" und den folgenden Internet-Firmen fast ideale Bedingungen.
Philippe Guillanton: "Das Viertel ist innerhalb von Paris am besten mit
Glasfasern verkabelt." Die moderne Kommunikationsausstattung im Untergrund
verdankt der Sentier der nur einige hundert Meter entfernten Börse
mit ihren elektronischen Geschäften. In den letzten Monaten hat der
Zuzug von Internetfirmen dramatisch zugenommen. Lastminute.fr, Net2one,
Buycentral, Webcicle, Metamedia und viele andere sind dem Beispiel von
Vorreiter Yahoo gefolgt. Philippe Guillanton: "Wenn der Trend sich fortsetzt,
wird die Ingenieurdichte pro Quadratmeter bald die der Textilarbeiter übertreffen."
Der Yahoo-Chef hat im Sentier einen
weiteren Standortvorteil entdeckt: "Unsere amerikanischen Geschäftsfreunde
sind vom Ambiente des Stadtteils fasziniert, wenn sie unser Büro besuchen."
Angelockt werden die jungen Internetfirmen - zusätzlich zum Glasfaser
- von den niedrigen Mieten. So kostet der Quadratmeter zwischen 360 und
550 DM im Jahr, während andere Stadtteile von Paris bei 800 DM beginnen.
Auch die Ansiedlung des amerikanischen Telecom-Anbieters Colt im Sentier
hat die Attraktivität weiter erhöht. "Diese Start-ups brauchen
superschnelle Internet-Leitungen wie die Holzfäller früher den
Fluss", sagt Stephane Boujnah, zuständig für neue Technologien
im französischen Wirtschaftsministerium.
Auch die zahllosen Lieferwagen und
Dauerstaus in den engen Gassen schrecken die Neumieter nicht. "Wir kommen
sowieso alle mit Fahrrad und Motorroller", sagt Jeremie Berrchi, Gründer
von Net2One. Für ihn und seine Mitarbeiter ist anderes wichtig. Die
vielen kleinen Restaurants - und deren späte Öffnungszeiten.
Berrchi: "Wenn wir bis nach Mitternacht arbeiten, können wir danach
immer noch essen gehen." Im Geschäftsviertel La Defense würden
sie zu so später Stunde nur noch auf einsame Nachtwächter treffen.
Und während die neuen Mieter
des Sentiers in einer Mischung aus Hoffnung und Beschwörung immer
häufiger vom "Silicon Sentier" sprechen, steigen die Büromieten.
Bei der Immobilienagentur Auguste Thouars geben sich die Interessenten
inzwischen schon die Klinke in die Hand. "Bei uns laufen 20- bis 25-Jährige
auf, die Büroflächen suchen, die sich in einen "open space" umwandeln
lassen", erklärte Jean Laurent de La Prade. Die Agentur versucht zu
helfen, stößt aber bei Anfragen nach sehr großen Büroflächen
an die Grenzen des Sentiers. So passiert es, dass die ersten Internet-Ansiedler
- inzwischen zu beträchtlicher Größe angewachsen - wegen
Platzmangels den Sentier verlassen. Erstling Yahoo Frankreich wird in den
weniger zentral gelegenen 17. Arrondissement gehen, wo ein Büro mit
1700 Quadratmetern wartet. Für das frei werdende Büro gibt es
schon eine Warteliste hoffnungsvoller Start Ups.
Joel Palix, Gründer von Clust.com,
glaubt fest an die Zukunft des Silicon Sentier. Der Unternehmer hat sich
schon die Site www.siliconsentier.com gesichert. Er will "Silicon Sentier"
zum Qualitätslabel ausbauen. Aber es gibt nicht nur Gewinner in den
historischen Gassen. Zu den Verlierern des Internet-Trends gehören
die kleinen Textilgeschäfte, deren Pachtverträge demnächst
auslaufen. Sie müssen mit heftigen Mietsteigerungen rechnen. Nicht
gut zu sprechen auf die Internet-Invasion sind auch die Prostituierten
in der Rue Saint Denis. Ihre Geschäfte am Rande des Sentier gehen
schlechter - und sie geben dem World Wide Web die Schuld. "Zuerst ruiniert
das Internet mit seinen Sex-Sites uns das Geschäft - und dann kommen
die Firmen noch als Mieter in unseren Stadtteil und treiben die Mieten
hoch", sagt Jean- Claude. Er ist Türsteher des Sexclubs Pussy Cat,
Rue Saint Denis Nr. 187. Noch hat er sich nicht nach einem neuen Job bei
einem der Start-ups bemüht.