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Comeniusprojekt "Ursprünge - Origini"
Aspekte der Europäischen Identität
Europaprojekt im Erdkundeunterricht der 10. Klassen

 
Belgiens Sprachen



Man stelle sich vor: Ein Deutscher ist in Belgien auf der Autobahn unterwegs Richtung Heimat. Als er auf dem Hinweisschild „Aken“ liest, freut er sich, denn er wollte ja die Strecke über Aachen nehmen: Soviel Flämisch kann er sich noch zusammenreimen. Etwas später kommen wieder Schilder, aber keine Spur mehr von Aken: Er hat nur die Wahl zwischen Liège und Aix-la-Chapelle! Was soll der verwirrte Mensch bloß machen, wenn er nicht zufällig weiß, dass letzteres die französische Version von Aachen ist? Er ist Opfer der Sprachgrenze geworden, die sich quer durch Belgien zieht und mit welcher der sogenannte Sprachenstreit zu tun hat, über den er etwas in seinem Reiseführer gelesen hat.
Zum Glück hat sich in den letzten Jahrzehnten etwas getan: Nun zeigen Schilder immerhin an, wenn die Autobahn vom flämischen aufs wallonische Gebiet wechselt oder umgekehrt.

Belgiens Sprachen

In Belgien werden viele unterschiedliche Sprachen gesprochen. Das rührt von den geschichtlichen Ereignissen des Staates her. Hier wird an den Grenzen Deutsch gesprochen und in kleinen Teilen auch Französisch. Sogar das Englische hat etwas mit Belgien zu tun: Es ist im geringen Maße der niederländischen Sprache ähnlich.
Das Niederländische wird auch in der nördlichen Hälfte Belgiens und des nördlichen Teiles des französischen Departements nahe Belgiens gesprochen. In Belgien und Frankreich nennt man diese Sprache meist Flämisch (dazu später mehr).

In Belgien und in den Niederlanden verwendet man eine gemeinsame Schriftsprache, ein standardisiertes Niederländisch. Regionale Dialekte unterscheiden sich in den niederländisch sprechenden Gegenden geringfügig von Stadt zu Stadt. Sie bilden eine so genannte Dialektkette, die in die regionalen niederdeutschen Dialekte Norddeutschlands übergeht. 

Nach dem 2.Weltkrieg unterstützte die niederländische Regierung weitere Bemühungen, in den Niederlanden und Belgien einen gemeinsamen Sprachstandard einzuführen.

Die flämische Sprache oder Vlaams, wie sie von den Anwendern genannt wird, ist die Sprache des historischen Flandern, das den nördliche Teil Belgiens darstellt. Heute ist sie eine der Amtssprachen Belgiens, die von circa 570.000 Menschen (etwa 57 Prozent der Bevölkerung) in den flämischen Gebieten gesprochen wird. Daneben ist Flämisch auch die Muttersprache einer kleinen Minderheit in Frankreich an der Grenze zu Belgien (etwa 200.000 Sprecher). Im Großraum Brüssel leben etwa 600.000 zweisprachige Belgier mit flämischer Muttersprache. Die Bezeichnung Flämisch ist ein regionaler Name für die niederländische Sprache, die zum westlichen Zweig der germanischen Sprachen zählt. Wenn auch die Bezeichnung Niederländisch von den Sprachwissenschaftlern bevorzugt wird, so bleiben auch Holländisch und Flämisch im Umlauf, weil sie politische und kulturelle Konnotationen haben. Das trifft besonders auf die lokalen Dialekte zu, die im holländisch-flämischen Sprachraum vorkommen. Obwohl es Versuche gab, aus den regionalen flämischen Dialekten eine Schriftsprache zu entwickeln, verwendet man in Belgien, wie auch in den Niederlanden, als literarische Sprache das A.B.N. (Algemeen Beschaafd Nederlands), die niederländische Hochsprache.

Das Flämische im Mittelalter

Im Mittelalter erlangte das Flämische durch den blühenden internationalen Handel der Städte Brügge, Gent und später Antwerpen europaweite Bedeutung. So vereinheitlichten sich schon im 13. und 14. Jahrhundert die einzelnen Stadtdialekte sehr stark (vor allem in der geschriebenen Sprache), was eine überregionale und internationale Verständigung erleichterte.

Im Achtzigjährigen Krieg mit Spanien (1568-1648) wanderten dann über 100.000 Flamen des gebildeten Bürgertums in die nördlichen Niederlande aus: Diese trugen nun im Norden zu einem großen Aufschwung von Handel, Wissenschaft und Künsten bei, während der ausgeblutete Süden wirtschaftlich verfiel. Dadurch büßte auch das Flämische seinen hohen Rang als relativ einheitliche Schrift-, Handels- und Kultursprache ein, und die regionalen Unterschiede der gesprochenen Sprache spielten wieder eine größere Rolle. Außerdem wurde in den nächsten beiden Jahrhunderten, in denen die südlichen Niederlande zum Zankapfel der europäischen Mächte wurden (Spanien, Österreich, Frankreich), das Französische in den feineren Kreisen Europas allmählich immer beliebter. Seit 1795 war Belgien französisch, und nun sprachen fast nur noch die Bauern und Arbeiter ihre flämischen Dialekte. Die gebildeten Flamen sprachen und schrieben weitgehend Französisch, und der Schulunterricht fand selbstverständlich nur in Französisch statt.

Wallonisches Gebiet: Französisch sprechende Region Belgiens.
Flämisches Gebiet: Flämisch sprechende Region Belgiens.

Sprachgebiete in Belgien

http://www.ned.univie.ac.at/publicaties/taalgeschiedenis/dt/vlaams.htm#karte
 
 
 

Eine Nation entsteht ... und der Sprachenstreit geht weiter
 

  • Vereinigung von Belgien und Holland zum Königreich der Niederlande (1815-1830)
  • Unabhängigkeit Belgiens (1830)
  • Französisch wird Landessprache
  • Flämisch wird offizielle Sprache Nordbelgiens (1938)


Der Sprachkonflikt im Raum Belgien zwischen den Wallonen und den Flamen

Im Jahre 1830 wehrten sich die französischsprachigen Kreise der südlichen Niederlande gegen die Bevormundung und die unsensible Sprachpolitik des Nordens. Deshalb gründeten sie das Königreich Belgien. Obwohl rund die Hälfte der Bevölkerung niederländisch sprach, wurde Französisch die Landessprache in Belgien. Im Gegensatz zu den wallonischen Gebieten war Flandern im Norden ziemlich verarmt und spielte politisch kaum eine Rolle. Die kleine flämische Oberschicht sprach Französisch und verwendete das Flämisch nur, um Arbeitern Befehle zu erteilen. Niederländisch war nur im Grundschulunterricht erlaubt, in der Verwaltung z.B. war der Gebrauch des Niederländischen komplett verboten. 

Erst nach dm Zwischenspiel des großniederländischen Königreich und der belgischen Revolution mit ihrer neuerlichen „Entmündigung“ entwickelte sich bei einigen Flamen (auch unter Einfluss der europäischen Romantik) ein Bewusstsein für die große Kraft. Diese „Flämische Bewegung“ wurde hauptsächlich getragen von Angehörigen des Mittelstandes, des Kleinbürgertums und des niederen Klerus, die ein niederländischsprachiges Kulturleben aufbauen und dem flämischen Unterricht zu mehr Bildung verhelfen wollten. Eine treibende Kraft der flämischen Sprachbewegung war der Schriftsteller Hendrik Conscience (1812-1883). Über ihn wurde gesagt, dass er seinem Volk das Lesen beibrachte. Mit der Zeit konnte sie ihre Ziele verwirklichen und im Jahre 1938 wurde Flämisch die offizielle Sprache in Nordbelgien. 

Seit 1980 findet das Flämische Unterstützung durch die niederländische Sprachunion. Sie schlossen einen Vertrag über die Kooperation der beiden Länder auf dem Gebiet der Sprache und Literatur ab. Bis zum heutigen Zeitpunkt führt der andauernde Konflikt zwischen den Wallonen und Flämen zu inneren Spannungen im Raum Belgien, besonders in und um Brüssel herum, wo flämische Wohngebiete durch Zuzug der Frankophonen ersetzt werden, obwohl eigentlich die Hauptstadt zu Flandern gehört. So konnte bis heute keine Staatsreform abgeschlossen werden.
 


© Peter und Ole (10c)

Quellen: 
http://www.europasprachen.de/Europasprachen/Flamisch/flamisch.html
http://www.ned.univie.ac.at/publicaties/taalgeschiedenis/dt/vlaams.htm#karte
http://www.ned.univie.ac.at/publicaties/taalgeschiedenis/dt/brussel.htm


 
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© Susan Wessin - 9/12/2001 Thomas-Mann-Schule Lübeck